Aber es wird regnen: 100 Jahre Clarice Lispector

15.01.2021

Im vergangenen Dezember wäre Clarice Lispector 100 Jahre alt geworden. Die brasilianische "Virginia Woolf" gehört zu den großen lateinamerikanischen Literatinnen und ihre Werke erscheinen uns heute so anmutig wie auch verstörend.

Clarice Lispector mit ihrem Hund Ulisses, Statue von Edgar Duvivier in Leme, Rio de Janeiro. (c) Foto: Fernando Frazão / Agência Brasil
Clarice Lispector mit ihrem Hund Ulisses, Statue von Edgar Duvivier in Leme, Rio de Janeiro. (c) Foto: Fernando Frazão / Agência Brasil

von Danny Hernández Ríos

Im vergangenen Dezember wäre Clarice Lispector 100 Jahre alt geworden. Die brasilianische "Virginia Woolf" gehört zu den großen lateinamerikanischen Literatinnen und ihre Werke erscheinen uns heute so anmutig wie auch verstörend. Auch deshalb verglich zuletzt die New York Times Lispector mit Franz Kafka - denn nicht immer sind ihre Werke für jeden verständlich.

Lispector wurde als Tochter jüdisch-russischer Eltern 1920 in der heutigen Ukraine geboren. Die Vergewaltigung ihrer Mutter und die zunehmende Judenfeindlichkeit nahm die Familie zum Anlass, ihre Heimat zu verlassen und in Südamerika einen Neuanfang zu wagen. Kurz nach ihrer Geburt verließen die Eltern mit Clarice, damals noch Chaya, und ihren zwei Schwestern die Sowjetrepublik und gelangten 1922 über Hamburg nach Maceió in Brasilien. Um die Vergangenheit möglichst auszublenden, nimmt die Familie brasilianische Vornamen an, Clarice verschiebt sogar ihr Geburtsjahr auf 1925. 

In Brasilien finden die Eltern Arbeit und Clarice wächst die ersten Jahre im armen, brasilianischen Nordosten, in Recife auf. Erst 1934 zieht es die Familie nach Rio de Janeiro. Und hier beginnt auch ihr Weg gegen den familiären Willen: So lernt sie als erste Portugiesisch, absolviert ein Jurastudium, arbeitet in Verlagen und heiratet schließlich den Katholiken Maury Gurgel Valente, welcher sie später als Diplomat auf viele Auslandsreisen mitnimmt. 

Das dasein als Diplomatenehefrau ermöglicht ihr letztlich aber auch, ihrer eigenen schriftstellerischen Tätigkeit nachzukommen und so veröffentlicht sie 1944 ihren ersten Roman Perto do coração selvagem ("Nahe dem wilden Herzen"), welcher eine Sensation wird. In den folgenden Jahren knüpft sie Kontakte zu Literaten weltweit, schreibt weitere Romane und steigt zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen Brasiliens auf. In ihren Werken befasst sie sich wiederholt mit den sozialen Strukturen Brasiliens, insbesondere des ärmeren Nordostens, aber auch der Stellung der Frau, der Emanzipation, dem Feminismus (z.B. Die Passion nach G.H., 1964). 

In Deutschland und weiten Teilen Europas ist sie der breiten Masse bis heute eher unbekannt. Zu speziell ist ihre Literatur, zu speziell ist ihre Person, so dass sie heute meist nur Liebhabern lateinamerikanischer Literatur, LusitanistInnen und Literaturwissenschaftlern ein Begriff ist. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein Blick in ihre Werke, die ihr gar so viel bedeuteten, dass sie bei einem Brand in ihrer Wohnung in Rio de Janeiro 1967 mit der bloßen Hand in die Flammen greift, um ihre Manuskripte zu retten. 

Zu ihrem 100. Geburtstag wurden im deutschsprachigen Raum einige ihrer Werke erstmals oder neu übersetzt.


Clarice Lispector: Traum und Trunkenheit einer jungen Frau. Sämtliche Erzählungen I (Penguin)

Clarice Lispector: Aber es wird regnen. Sämtliche Erzählungen II (Penguin)


weitere Werke bei btb (Auswahl):

Nahe dem wilden Herzen

Der große Augenblick

Der Lüster