Netflix zeigt "Cidade Invisível" - ein Wegweiser

15.02.2021

Auf der Streaming-Plattform Netflix ist seit Februar 2021 die brasilianische Serie "Unsichtbare Stadt" abrufbar. Die Produktion lässt sich ohne weiteres als Fantasy-Kriminalserie auch von nicht Brasilien-Interessierten anschauen; einen verschärften Blick auf die angespielten kulturellen Hintergründe ermöglicht aber eine umfassendere Deutung der Handlung.

Seit dem 05. Februar ist auf der Streaming-Plattform Netflix die Serie "Unsichtbare Stadt" ("Cidade Invisível") des brasilianischen Regisseurs Carlos Saldanha verfügbar. (c) Foto: Netflix
Seit dem 05. Februar ist auf der Streaming-Plattform Netflix die Serie "Unsichtbare Stadt" ("Cidade Invisível") des brasilianischen Regisseurs Carlos Saldanha verfügbar. (c) Foto: Netflix

von Monique Fritscher

Auf der Streaming-Plattform Netflix ist seit Februar 2021 die brasilianische Serie "Unsichtbare Stadt" abrufbar. Die Produktion lässt sich ohne weiteres als Fantasy-Kriminalserie auch von nicht Brasilien-Interessierten anschauen; ein verschärfter Blick auf die kulturellen Hintergründe und Anspielungen ermöglicht aber eine umfassendere Deutung der Handlung. Genau dazu möchte ich mit diesem Text beitragen - mit möglichst wenigen Spoilern, versprochen!

Die Kulisse der aller ersten Szene dieser Serie ist ein typisches Juni-Fest, die Festa Junina. Die Juni-Feste sind in Brasilien mindestens genauso beliebt wie der Karneval und werden überall gefeiert. Obwohl regionale Unterschiede nachweisbar sind, haben alle Festas Juninas ein "Grundgerüst", das an Küste, im Hinterland, in kleinen oder großen Städten, im Norden oder im Süden zu erkennen ist.

Nach christlicher Tradition werden auf den Juni-Festen drei Heilige gefeiert: Santo Antônio (St. Anton, 13. Juni), São João (Johannes der Täufer, 24. Juni - weshalb die Feierlichkeiten auch Festas de São João genannt werden) und São Pedro (St. Peter, 29. Juni). Der tatsächliche Ursprung der Festa Junina reicht aber auf die vorchristliche europäische Tradition der Mittsommerfeste zurück, die zur Sommersonnenwende stattfanden bzw. stattfinden (auf der Südhalbkugel entspricht dieser Zeitpunkt natürlich der Wintersonnenwende). So spielt auch in der brasilianischen Version des Sonnenwende-Festes das Feuer eine wichtige Rolle: die Flammen stehen immer im Mittelpunkt des Festes. Dekoriert wird mit bunten Wimpeln und Papierlaternen, sowie mit karierten Tischdecken und Stroh, die dazu beitragen sollen, ein ländliches Ambiente zu erzeugen. Die Feiernden tragen zerschlissene Hosen, Hemden und Kleider aus kariertem oder mit Blumen gemustertem Stoff, Strohhüte und auffallende Schminke. Die meisten Speisen auf der Festa Junina basieren auf Mais in jedweder .Form, z.B. als süßer Brei (canjica) oder als Popcorn (pipoca). Regionale Produkte werden ebenso gerne verspeist, wie z.B. die pinhões (eine Art Pinienkern) im Süden, und getrunken wird v.a. der quentão, ein Getränk, das dem deutschen Glühwein sehr ähnelt.

Am Ort der Festa Junina in der ersten Folge bricht ein großer Waldbrand aus, welcher den Tod einer jungen Frau zur Folge hat. Ihr Ehemann, ein Umweltpolizist, gibt sich mit der Theorie einer natürlichen Tragödie nicht zufrieden und beabsichtigt die Umstände des Todes seiner Frau auf die Spur zu gehen. Ab seinem ersten ersten Arbeitstag nach seiner Trauerphase wird er mit Wesen konfrontiert, die nicht aus dieser Welt sind, ihm aber (und wahrscheinlich jedem/r Brasilianer*in) seit der Kindheit bekannt sind. Es sind Wesen aus mündlich übertragenen Volksmärchen, die die Fantasie-Welt der brasilianischen Kindern beleben und in dieser Geschichte eine wesentliche Rolle spielen. Lasst uns uns mit ihnen vertraut machen:

O boto cor de rosa

Den boto cor de rosa, den rosafarbenen Delfin, gibt es wirklich: es handelt sich um einen Süßwasser-Delfin, der ausschließlich im Amazonas-Becken vorkommt, weswegen er auch Amazonas-Flussdelfin genannt wird. Den Volkserzählungen zufolge verwandelt sich der Boto in einen attraktiven jungen Mann, der nachts mit aufgesetztem Hut aus dem Fluss kommt, um Mädchen zu verführen und zu schwängern. So werden im Amazonas-Gebiet häufig ungewollte und "unerklärliche" Schwangerschaften bei jungen Frauen mit den verführerischen Kräften des Boto begründet. Zwinker, Zwinker...

O curupira

Der Curupira ist ein im Wald lebendes Wesen, welches die Wildtiere vor Jägern beschützt. Er bestraft allerdings nur die Jäger, die Tiere zum reinen Vergnügen erschießen; wenn ein Tier getötet wird um den Hunger des Jägers und seiner Familie zu stillen, gibt es keine Strafe. Curupira hat große, rote Augen; anstelle von Kopfhaaren hat er Flammen und seine Füße zeigen nach hinten, sodass seine Laufspuren zur verkehrten Seite zeigen und er schwer einzufangen ist.

O saci

Dem Volksmärchen zufolge hat der Saci ein Bein verloren während er Capoeira spielte. So ist er ein einbeiniger Junge mit dunkler Haut, der Pfeife raucht. Seine magischen Kräfte verleiht ihm seine rote Mütze; mit ihr auf dem Kopf kann er sich in einen Wirbelwind verwandeln und große Schäden verursachen. Gefangen wird er, in dem man den Wirbel mit einem Sieb einfängt und ihn dann in einer sicheren Glasflasche einsperrt. Der Saci kann Gutes und Böses tun.

A cuca

Cuca ist eine Hexe, die sehr alt ist, aber ein junges Erscheinungsbild einnehmen kann - manchmal erscheint sie auch mit einem Kaiman-Kopf. Es wird erzählt, dass Cuca erscheint, wenn ein Kind sich schlecht benimmt oder nicht rechtzeitig ins Bett gehen will. So werden dem ungezogenen Kind häufig folgende drohende Verse an der Bettkante vorgesungen:

"Nana, neném
Que a cuca vem pegar
Papai tá na roça
Mamãe foi cozinhar"

O Tutu

Tutu ist ein Schattenwesen, das in mehreren Wiegenlieder vorkommt und - ähnlich wie die oben genannte Cuca und andere Wesen wie der Bicho-Papão - die Kinder vom Widerstand ins Bett zu gehen abhalten soll. Sein Aussehen wird in den Liedern und Volkserzählungen nicht beschrieben.

A Iara

Iara, auch Uiara oder Mãe D`água (Mutter des Wassers) genannt, ist eine hübsche Sirene mit sehr langen dunklen Haaren. Sie lebt in Flüssen oder Seen und beschützt die Fische. Aber Iara hat auch eine Schattenseite: sie verwandelt sich nachts in eine hübsche Frau, geht ans Land und lockt mit ihrem wunderschönen Gesang die Männer ins Wasser - ähnlich wie die Jungfrau auf der Lorelei. Viele ertrinken dadurch und diejenigen, die es überleben, werden verrückt und können nur von einem indigenen Heiler (pajé) geheilt werden.


Wenn Du dich für das Thema der brasilianischen fantastischen Wesen interessiert hast, recherchiere doch mal nach Werken des Anthropologen Luís da Câmara Cascudo. Er hat umfangreiche Studien zu den brasilianischen mündlich überlieferten Erzählungen (auch zu Volksliedern, Festen usw.) durchgeführt und stellte deren Zusammenhänge zu mit afrikanischen, amerindischen und europäischen Erzählungen fest.

Nicht nur die dargestellten Fantasie-Welt und das Juni-Fest ermöglichen einen Blick in die brasilianische Gesellschaft durch diese Serie. Auch Themen der realen Welt, die ständig in Brasilien auf der Tagesordnung stehen, machen einen Teil der Geschichte aus. Das fiktive Fischerdorf Vila Toró, am Rande der Großstadt Rio de Janeiro, wird von einem mächtigen Baukonzern verdrängt, das den Bau eines Resorts an dem Ort beabsichtigt. Außerdem wird der Hauptdarsteller, ein Umweltpolizist, öfter an der Ausübung seiner Arbeit gehindert, weil ihm die Mittel dafür fehlen, die amtlichen Strukturen nicht gemäß dem Bedarf ausgebaut wurden, oder er wird von korrumpierten Kollegen und Vorgesetzten gestört. Nicht zuletzt wird die in den großen Städten herrschenden Armut thematisiert, die vielen Menschen dazu zwingt, auf der Straße oder in improvisierten illegalen Unterkünften zu leben.

Die "Unsichtbare Stadt" ist eine gelungene Darstellung mehrerer Aspekte der brasilianischen Gesellschaft. Für Brasilien-Interessierte sehr empfehlenswert!