Was ist eigentlich "Portunhol"?

01.05.2021

In Brasilien wird ja Portugiesisch gesprochen (von ca. 211 Mio. Menschen), während in fast allen Nachbarländern Spanisch gesprochen wird (auch ca. 200 Mio. Menschen). Aber was ist Portunhol?

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Die Iguaçu-Wasserfälle (Cataratas do Iguaçu) an der Grenze zwischen Brasilien (Paraná) und Argentinien (Misiones). Nur 30 Kilometer weiter liegt die gleichnamige Stadt Foz do Iguaçu an der Grenze zu Paraguay.  (c) Foto: JosephJR.
Die Iguaçu-Wasserfälle (Cataratas do Iguaçu) an der Grenze zwischen Brasilien (Paraná) und Argentinien (Misiones). Nur 30 Kilometer weiter liegt die gleichnamige Stadt Foz do Iguaçu an der Grenze zu Paraguay. (c) Foto: JosephJR.

von Prof. Dr. Elmar Eggert

Manch eine/r hat schon von dem Wort Portunhol gehört, viele kennen es aber gar nicht, dabei ist es für viele Menschen in Südamerika etwas, das für sie alltäglich ist. Denn sie sprechen Portunhol, eine Mischung aus Portugiesisch und Spanisch. Dabei werden Wörter und Elemente aus beiden Sprachen abwechselnd verwendet oder auch neue Wörter daraus gebildet.

Das Wort portunhol ist als Verschmelzung der Anfangs- und Endsilben der beiden Sprachbezeichnungen português und espanhol gebildet: portu...-...nhol (Endsilbe von espanhol), meist von Spanischsprachigen auch <portuñol> geschrieben, da die Herkunft aus dem spanischen español betont werden soll.

Spanisch und Portugiesisch sind sich in vielen Wörtern sehr ähnlich, wobei sich v.a. ihre Aussprache deutlich unterscheidet:

In den folgenden Sätzen auf Spanisch und Portugiesisch ist die Nähe zu erkennen:

  • Sp. "En primer lugar, yo no soy hablante nativo de español, pero teníamos una vecina que quería hablar a todo el mundo en (castellano)."
  • [Dt. Übersetzung: 'Als erstes bin ich kein Muttersprachler des Spanischen, aber wir hatten eine Nachbarin die mit allen auf (Spanisch) sprechen wollte']
  • Port.: "Em primeiro lugar, eu não sou falante nativo de espanhol, mas tínhamos uma vizinha que queria falar a todo o mundo em (espanhol/português)"

Doch sind einige Wörter sehr verschieden:

  • 'Fenster'  sp.: la ventana, aber port. la janela
  • 'Montag'  sp.: lunes, aber port. segunda-feira
  • 'vergessen'  sp.: olvidar, aber port. esquecer
  • 'lang'  sp.: largo, aber port. comprido bzw. longo
  • 'rot'  sp. rojo aber port. vermelho

Bei einigen Wörtern muss man aufpassen, da sie eine sehr ähnliche Form haben, aber doch etwas ganz anderes bedeuten ('Falsche Freunde'):

  • <acordar>  sp. 'vereinbaren' aber port. 'aufwachen/aufwecken'
  • <firma>  sp. 'Unterschrift' aber port. 'Firma'
  • <pegar>  sp. 'schlagen/kleben' aber port. 'nehmen/anfassen'
  • <oficina>  sp. 'Büro' aber port. 'Werkstatt'
  • <propina>  sp. 'Trinkgeld' aber port. 'Schmiergeld'
  • <vago>  sp. 'faul' aber port. 'frei/offen'
  • <escoba>  sp. 'Besen' aber port. <escova> 'Bürste'
(c) Foto: Lorencena Souza, Henry Daniel (2015)*
(c) Foto: Lorencena Souza, Henry Daniel (2015)*

Wie sieht so aber so eine Sprachmischung im Portunhol aus? 

Meist wird einfach aus beiden Sprachen kombiniert, wie bei dieser Metzgerei im Grenzgebiet zu Uruguay (s. Foto), deren Beschilderung das portugiesische Wort für die Fleischerei (açougue) mit den spanischen Wörtern La frontera ('die Grenze') verbindet, aber nicht mit den portugiesischen Entsprechungen, die a fronteira lauten.

Ein komplexeres Beispiel: "amañana nosotros vamos viajar"

Dies wäre auf Port. "amanhã nós vamos viajar", auf Span. "mañana vamos a viajar";

[Das Verb viajar wird für beide Sprachen zwar gleich geschrieben, aber das geschriebene <j> wird im Spanischen mit dem ach-Laut gesprochen ("bjachar"), im Portugiesischen mit dem Anfangslaut aus dt. Journalist, also "vjaJar". Beide Aussprachen können realisiert werden.]

Typisch ist, dass aus den Adverbien für 'morgen' ein neues Wort zusammengestellt wird, das Elemente aus beiden Vorlagen verbindet: die portugiesische Anfangssilbe a- und die spanischen Endsilben -ana => amañana. Im Portugiesischen wird öfter das Pronomen nós für 'uns' gesetzt, im Spanischen kaum, aber im Beispiel wird der Gebrauch des Portugiesischen mit dem spanischen Wort verbunden. Dann wird auch noch die Präposition a aus dem Spanischen im Beispiel weggelassen.

Und wer spricht so?

Im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Uruguay sprechen viele Menschen mit diesen Mischformen aus Spanisch und Portugiesisch, denn sie wachsen mit beiden Sprachen und den Mischungen auf. Das erscheint aber vielen Lehrer:innen aus den Schulen dort als falsch, denn den Kindern soll die jeweilige Sprachnorm des Portugiesischen oder des Spanischen beigebracht werden, aber nicht eine variierende Mischform.

Daneben gibt es z.B. viele Brasilianer:innen, die Spanisch sprechen (wollen) und dann einige Umformungsregeln beachten, die ihnen auffallen, z.B. dass im Spanischen betonte Vokale oft diphthongiert ("zweivokalig") sind: sp. miel 'Honig'  port. mel, sp. (yo) pienso 'ich denke'  port. (eu) penso. So passiert beim "Mischen", dass Formen gebildet werden, die Spanisch sein sollen, aber dann doch nur neue Formen sind, die für Spanischsprecher:innen aber nicht verständlich sind, so z.B. angeblich auch 

  • Portunhol: Sorviete de moriango 'Erdbeereis'
  • (Port.: sorvete de morango  Sp. helado de fresa/frutilla 'Erdbeereis')

Viele halten auch diese Versuche, die jeweils andere Sprache zu sprechen, für Portunhol.

Die berühmteste Sprecherin des Portunhol soll die ehemalige brasilianische Staatspräsidentin Dilma Roussef sein, die am 28.02.2015 bei einer Eröffnung des Windparks verkündete, Portunhol zu sprechen. Doch auch dies war eher ein Bemühen, Spanisch zu sprechen, wenngleich einige portugiesische Ausdrücke enthalten waren. (Video , ca. Minute 34 - 40)

Daher ist nicht Sprechweise von Dilma Roussef bei dieser Eröffnung hervorzuheben, sondern dass sie Portunhol mit dem öffentlichen Akt als Verbindungselement zwischen spanisch- und portugiesischsprechenden Menschen v.a. in Grenzgebieten zwischen Brasilien und Uruguay und weiteren Nachbarländern hervorhob. Und das ist auch die wichtigste Funktion des Portunhol, nämlich als Zeichen der hybriden Identität zu dienen, wenn die beiden Sprachen verbunden werden, was vielfach in künstlerischen Produktionen wie Gedichten etc. geschieht.


Weiteres in: Eggert, Elmar (2018): "Verwendungsweisen und Bewertungen der "Mischsprachen" Spanglish und Portuñol", in Burkard, Torsten/Hundt, Markus (Hg.): Sprachmischung - Mischsprachen. Vom Nutzen und Nachteil gegenseitiger Sprachbeeinflussung, Frankfurt a.M.: Lang. 15-37. [KFS 9] Bei Interesse kann eine PDF-Fassung des Entwurfs über info@moin-brasil.de angefragt werden. 

*Komplette Quellenangabe: Das Foto der Metzgerei stammt aus Lorencena Souza, Henry Daniel (2015): A paisagem linguística na fronteira do Uruguai com o Brasil: Diferenças no status do português. In: Alejandra Reguera (Hrsg.): Actas del VII Encuentro Internacional de Investigadores en Políticas Lingüísticas. Córdoba: Facultad de Lenguas y Secyt, Universidad Nacional de Córdoba, 427-434.